Das OSLM erinnerte in einer Veranstaltung an den 1. September 1939

02. September 2019 Zugriffe: 728 Geschrieben von Peters-Schildgen
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1sept 39 -1"So etwas darf nie wieder passieren!" Darin waren sich alle einig, die vergangenen Sonntag im Oberschlesischen Landesmuseum an der Gedenkveranstaltung "80 Jahre nach Kriegbeginn" teilnahmen.

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Er brachte den Menschen Tod, Zerstörung und viel Leid. Das Oberschlesische Landesmuseum erinnerte in einer Veranstaltung mit Vortrag und Führung an den 1. September 1939. Mit sehr persönlichen und bewegenden Worten begrüßte Stephan Krüger, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung Haus Oberschlesien, die zahlreich erschienenen Gäste. Er erinnerte daran, dass der Zweite Weltkrieg in Gleiwitz und damit in Oberschlesien begann. Noch heute sei der Krieg in vielerlei Hinsicht präsent. "Die Bundesrepublik Deutschland hat ihre Geschichte bzw. Vorgeschichte vielfältig aufgearbeitet und tut es noch immer. Kein Kapitel dieses Zweiten Weltkriegs, was heute nicht angesprochen, untersucht und vorgestellt werden kann. Auch das Datum, jener 1. September vor 80 Jahren, ist jedem bekannt". Anders verhalte es sich mit Oberschlesien, so Krüger. Dort habe der Krieg zwar seinen Anfang genommen, dennoch wüssten heute vor allem viele junge Menschen gar nicht, wo oder was Oberschlesien ist. "Für die Oberschlesier brachte der Zweite Weltkrieg nicht nur kriegszerstörte Heimat. Für Polen, Juden und andere Oberschlesier brachte er systematische Vernichtung. Für deutsche Oberschlesier in den meisten Fällen den völligen Verlust von Heimat. Die oberschlesischen Städte und ihre Menschen haben demnach einen ganz anderen Zoll für diesen 1. September 1939 entrichten müssen, als die Teile, die heute zur Bundesrepublik Deutschland gehören." Gedenktage, wie der des 1. September, seien ein Aspekt musealer Arbeit. Für den kürzlich erst neu konstituierten Stiftungsvortand sei es ein wichtiges Anliegen, "mit dem Oberschlesischen Landesmuseum noch mehr ein Anlaufpunkt, ein Zentrum Oberschlesiens im Westen zu werden, als es heute schon der Fall ist. Die heimatverbliebenen Oberschlesier sind Quelle, Fluss und Brücke unserer Partnerschaft: des Landes Nordrhein-Westfalen und der Woiwodschaft Schlesien, der Deutschen und der Polen oder der Westdeutschen und der historischen Ostdeutschen."

1sept 39 -2Derart auf das Thema eingestimmt, schilderte Dr. Frank Mäuer in seinem Einführungsvortrag die Ereignisse im September 1939 in Schlesien, den fingierten Überfall auf den Radiosender in Gleiwitz, die Kampfhandlungen in den ersten Kriegstagen und die Besetzung der polnischen Städte Oberschlesiens in den folgenden Tagen. Der Provinz Schlesien wurden die nach der Abstimmung 1922 herausgelösten Gebiete der polnischen Woiwodschaft Schlesien wieder angeschlossen. Hinzu traten als Vorfeld östlich und südlich angrenzende ehemals polnische und tschechische Gebiete, die zuvor nicht Teil des Deutschen Reiches gewesen waren. Die erheblich vergrößerte Provinz Schlesien wurde mit Wirkung zum 1. April 1941 wieder in die zwei Provinzen Niederschlesien mit der Hauptstadt Breslau und Oberschlesien mit der neuen Provinzhauptstadt Kattowitz geteilt. Parallel zur staatlichen Verwaltungsneugliederung wurde auf der Parteiebene ein NSDAP-Gau „Oberschlesien“ neu eingerichtet. Ein interessantes Detail ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass der Gauleiter und Oberpräsident für Oberschlesien, Fritz Bracht, aus dem Lippischen und der zum Präsidenten des Regierungsbezirks Kattowitz ernannte Verwaltungsjurist Walter Springorum aus Dortmund aus einer eng mit dem Hoesch-Konzern verbundenen westfälischen Industrieellenfamilie stammten. Für das NS-Regime stellten solche jungen, ebenso ehrgeizigen wie opportunistischen Akademiker ohne persönliche Bindung in ihren Amtsbezirk eine wichtige Stütze der Herrschaftskonsolidierung in einer Region dar, die eben auch Besatzungsgebiet war.

Dr. Mäuer besch1setp 39 -3rieb weiterhin, mit welchen Mitteln die NS-Volkstumspolitik einen ethnisch homogenen "Volkskörper" in Oberschlesien anstrebte. Dort lebten Menschen deutscher, polnischer und tschechischer Nationalität. Dazu gab es ein ausgeprägtes Regionalbewusstsein. Die östlichen Kreise wiesen zudem einen größeren jüdischen Bevölkerungsanteil auf. Zu einem wichtigen Instrument zur Erfassung und Klassifizierung der Bevölkerung wurde die sog. "Deutsche Volksliste". Wer nicht erfasst wurde - rund 35 % der Bevölkerung - galt als „nichteindeutschungsfähig“ oder „fremdvölkisch“ mit allen Konsequenzen, die aus der nationalsozialistischen Rassenideologie resultierten.

Als weitere Punkte sprach Dr. Mäuer in seinem Vortrag die polnische Widerstandsbewegung und die Verfolgung der polnischen und jüdischen Bevölkerung an.  Die Prozesse des Kattowitzer Polizeistandgerichts, die im Jahr 1940 auf dem Territorium des Regierungsbezirks Kattowitz im Kreiz Bielitz errichteten Konzentrationslager Auschwitz stattfanden, endeten mit wenigen Ausnahmen mit der Todesstrafe. Später wurde das Konzentrationslager um das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Auschwitz II) erweitert.

In den nach 1922 beim Deutschen Reich verbliebenen Gebieten begannen die Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung bereits ab 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, in den angegliederten Gebieten unmittelbar mit der militärischen Besetzung ab 1939. Sie endeten mit der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Die allermeisten wurden in den Gaskammern des Konzentrations- und Vernichtungslagers in Auschwitz ermordet. Andere starben an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen von Zwangsarbeit.  

Als Überleitung z1sept 39 -4um anschließenden Rundgang durch die Sonderausstellung "Oberschlesische Städte im Zweiten Weltkrieg 1939-1945" gab es vom Referenten und Kurator für die deutsche Tafelversion der Sonderausstellung noch einige einführende Bemerkungen. Dr. Mäuer war verantwortlich für die erheblich erweiterte deutsche Textfassung dieser Ausstellung, die jetzt vier Einleitungstafeln und 16 Städtebanner umfasst. Sie wurde durch Objekte aus den eigenen Beständen des Oberschlesischen Landesmuseums in Vitrinen und Wandrahmen ergänzt. Beim Rundgang stellte Dr. Mäuer einige der auf den Tafeln gezeigten Dokumente vor, die das veranschaulichten, worüber in dem Einführungsvortrag berichtet wurde.

Das Oberschlesische Landesmuseum bedankt sich an dieser Stelle herzlich bei Stephan Krüger und Dr. Frank Mäuer, die mit ihren Worten und Schilderungen zu einer gelungenen Gedenkveranstaltung beigetragen haben. Viel Gesprächsbedarf gab es im Anschluss an die Führung. Bei Kaffee und Kuchen kamen die Gäste rasch miteinander ins Gespräch. Manch einer hatte als Kind den Krieg erlebt und konnte somit seine persönlichen Erfahrungen beisteuern. Einig waren sich alle in dem Punkt, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Der Beitrag orientiert sich im Wesentlichen an dem Vortragsmanuskript von Dr. Frank Mäuer.

Kommende Veranstaltungen


am Donnerstag, dem 07. November, 18:30-20:30 Uhr
Ort: Oberschlesisches Landesmuseum

"Salon Schlesien". Ein Solo-Klavierabend
am Samstag, dem 09. November, 19-20:30 Uhr
Ort: Haus Oberschlesien

Die Streichquartette Anton Reichas
am  Sonntag, dem 17. November, um 16 Uhr
Ort: Haus Oberschlesien

Kontakt

Anschrift:
Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstraße 62
40883 Ratingen (Hösel)

Telefon:
+49(0)2102-9650

Email:
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