Große Erwerbung zu(r) Königshütte geglückt

28. April 2016 Zugriffe: 2259 Geschrieben von Mehring
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Ladewig Ehrenbürger KÖH 1bWas doch rechtzeitige Hinweise ausmachen. Der Kollegin Izabella Kühnel aus Kattowitz zu verdanken ist der Tipp zum Angebot einer oberschlesischen Ehrenbürgerurkunde. Daraus ergaben sich dann im Kontakt zum Anbieter zwei weitere Urkunden zur Ehrenmitgliedschaft bei Königshütter Vereinen von 1901.
Alle drei prachtvollen Urkunden kamen rasch mit Paketpost aus Wien. Dorthin war der Direktor eines der wichtigsten oberschlesischen Hüttenwerke, der Königshütte, 1901 als Pensionär verzogen.
Max Ladewig leitete über ein Vierteljahrhundert diesen Großbetrieb der „Vereinigten Laura- und Königshütte A.G.“ Er war der 7. Ehrenbürger der jungen und schnell gewachsenen Industriestadt.
Die bestens erhaltenen Urkunden zu besitzen, ist nicht bloß ein großes Glück. Es bringt auch eine Verpflichtung, denn die Aussage des Magistrats bei Übersendung der Urkunde kann neu aufgenommen werden kann. Da hieß es, man werde ihm „stets ein dankbares Andenken bewahren in Erinnerung an Alles, was [er] für die Entwicklung unserer Stadt geleistet habe.“ Solche abgebrochene Erinnerung neu aufzugreifen, ist dem Oberschlesischen Landesmuseum (OSLM) stetes Anliegen.

Wenige oberschlesische Städte sind so eng mit einem Betrieb verbunden, wie die Stadt Königshütte. Königsgrube und Königshütte standen für die beiden gleichgewichtigen Montanbereiche des Bergbaues sowie der Eisenerzeugung und Weiterverarbeitung.

Ladewig Ehrenbürger KÖH 4bDie Gründung ist mit der feierlichen Eröffnung des Königshütter Eisenwerkes am 26.Oktober 1802 gleichzusetzen. Zum 1. Mai 1869 wurde die Stadt Königshütte zur selbständigen Stadtgemeinde erhoben. Erst zum 1. April 1898 schied sie aus dem Landkreis Beuthen aus, sodass ein eigener Stadtkreis entstand. Das heute namensgebende Chorzów wurde 1934 in die Stadt eingemeindet. Damit entfiel der deutsche Namensbezug für die Stadt, die 1922 mit der Teilung Oberschlesiens zu Polen gekommen war und sich zuerst Królewska Huta nannte.

Rasant stieg die Einwohnerzahl. Im Jahr der Stadtgründung waren es 14.100 Einwohner. 1884 wurde die 30.000er Marke überschritten, 1897 die 50.000 erreicht. Im letzten Friedensjahr 1913 lebten 77.000 Einwohner in Königshütte. Die Grenzziehung führte zu Schwankungen beim weiteren Anstieg. 1935 wurde dauerhaft die 100.000er Marke überschritten. Gegenwärtig hat Chorzów rund 111.000 Einwohner.

Seit der Plebiszitzeit tut sich das heutige Chorzów mit der Identität von Königshütte schwer. Der wechselhafte Umgang mit dem Oberberghauptmann Graf Reden im Stadtbild ist ein Beweis. Ein nicht so offenkundiger Beleg ist die fehlende Erinnerung an die Ehrenbürger der deutschen Epoche. Bereits 1870 ernannte der Stadtrat den Direktor der Vereinigten Königs- und Laurahütte zum ersten Ehrenbürger. Bis 1919 stieg die Zahl der Ehrenbürger auf zehn, davon je zwei Generaldirektoren und lokale Direktoren des Hüttenkonzerns sowie drei Königliche Bergräte.

Im Oberschlesischen Landesmuseum befindet sich schon seit einigen Jahren die Urkunde des 8. Ehrenbürgers, Hermann Fürst Hatzfeldt. Sie wurde ihm als Oberpräsident der Provinz Schlesien 1903 überreicht. Im Jahr 2016 gelang nun der Erwerb der Ehrenbürgerurkunde für Max Ladewig, seit 1901 der 7. Ehrenbürger der Stadt.

chaut man in die aktuelle stadthistorische Literatur, so die beim Museum in Chorzów 2007 herausgegebene Stadtgeschichte „Historia Chorzowa 1257-2000“ und ein Lexikon städtischer Persönlichkeiten, so fehlt jeder Hinweis auf diese Ehrenbürgerschaften. Auch die 2009 in Kattowitz erschienene umfangreiche „Encyklopedia Chorzowa“ geht nur in wenigen Zeilen auf einige polnische Ehrenbürger ein. Dabei hatte die polnische Stadtversammlung bis 1936 sechs weitere Ehrenbürger benannt, so 1936 den polnischen Staatspräsidenten und den schlesischen Woiwoden.

Ladewig Ehrenbürger KÖH 2bIm „Fahrbuch der Königshütte“, dem ab 1800 geführten Gästebuch, finden sich zwei Einträge des Hüttendirektors Max Ladewig. Nachdem dieses 1845 zuletzt benutzt worden war, trug er sich am 3. Mai 1891 mit den Honoratioren zum 100-jährigen Bestehen der Königsgrube und der Königin-Luise-Grube als einer der letzten ein. Am 12. November 1897 wurde das Buch wieder benützt. Anlass war der Besuch des Königs von Preußen und Deutschen Kaisers Wilhelm II. Als vorletzter unterschrieb der Hüttendirektor mit Hütteninspektoren. Das Fahrbuch befindet sich seit 1989 im Bestand des OSLM.

Zahlreiche Ehrenurkunden in und für Königshütte hat der Kunstmaler Hans Bimler (1860-1929) gestaltet. Um die Jahrhundertwende war er Zeichenlehrer an der Beuthener Oberrealschule. Er schuf 1901 die Ehrenbürgerurkunde für Max Ladewig. Im Folgejahr fertigte er für Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Königshütte die künstlerisch ausgeführte Glückwunschadresse zum 100-jährigen Betriebsjubiläum der Königshütte. Sein Sohn Kurt, ebenfalls durch Urkundengestaltungen ausgewiesen, übernahm 1933 die Herstellung der Ehrenurkunde für den Ehrenbürger Józef Gawlina, den kurzzeitig in Königshütte wirkenden Feldbischof der polnischen Armee.

Die Königshütte hatte in den ersten 100 Betriebsjahren einen rasanten Aufstieg genommen. Sie war nach der Stadtgründung privatisiert worden. Hugo Graf Henckel von Donnersmarck auf Naklo wurde am 1. Januar 1870 der Eigentümer. Ihm gehörte bereits die Laurahütte. Doch schon zum 1. Juli des Folgejahres wurden die beiden Hütten sowie zugehörige Bergwerke in einer Aktiengesellschaft vereinigt. Die Montanindustrie erwies sich als hochprofitabel. In den 30 Jahren seit der Reichsgründung erwirtschaftete diese Aktiengesellschaft eine durchschnittliche jährliche Dividende von 7,8 %.

Unterhalb des Vorstandes gab es die Direktorenebene. Nachdem der Bergwerks- und Hüttendirektor Junghann 1883 in den Vorstand der Gesellschaft nach Berlin avanciert war, rückte im Folgejahr Max Ladewig nach. Schon 1885 wurden zwei neue, von der Hütte angelegte Straßen im Königshütter Stadtteil Lagiewnik nach den beiden Direktoren Junghann und Ladewig benannt. Letzterer war schon langjähriger Leiter des Bessemer-Stahlwerkes gewesen. Während Ladewigs 27-jähriger Tätigkeit als Hüttendirektor bis zu seinem Ausscheiden 1901 nahm die Beschäftigenzahl um 75 % zu. Das waren 6.260 männliche und 566 weibliche Mitarbeiter. Der Konzern der Vereinigten Laura- und Königshütte AG hatte im Jahr 1900 insgesamt über 20.000 Beschäftigte, zu 60% in den beiden Hütten und zu 40% in den Bergwerken. Das Hüttenwerk der Königshütte verbrauchte zur Zeit der Stadtgründung 2/3 der Steinkohlenförderung ihrer Gräfin Lauragrube. Was ein solcher Mengenverbauch von einer 250.000 t Kohle zur Energieerzeugung an Umweltbelastung bedeutete, ist heute kaum noch vorstellbar.

Ladewig Ehrenbürger KÖH 6bOffenbar erreichte Max Ladewig 1901 das Pensionsalter. Er bekam im Februar die Ehrenmitgliedschaft  im Krieger-Verein Königshütte OS. und im Juli die des dortigen Männer Turn-Vereins verliehen. Beide prachtvollen Ehrenurkunden waren 115 Jahre verschollen, bevor sie im April 2016 von Wien aus nach Ratingen ins Oberschlesische Landesmuseum gelangten. Als Ladewig im Juni die Ehrenbürgerschaft der Stadt Königshütte zuerkannt wurde, da scheint die hellblausamtene Mappe mit der Schmuckeinlage noch nicht fertig gewesen zu sein. Auch zog Ladewig alsbald nach Wien um. Denn bei der Urkunde finden sich drei Dokumente: nebst zwei Zollquittungen auch das Übersendungsschreiben des Magistrats von Königshütte vom 30. September 1901. Darin wird bedauert, dass Ladewig die Urkunde nicht mehr persönlich überreicht werden konnte und er sie daher nach Wien mit der Post erhalte. Möge er also in Anhänglichkeit der Stadt gedenken, wie diese ihm „stets ein dankbares Andenken bewahren [werde] in Erinnerung an Alles, was [er] für die Entwicklung unserer Stadt geleistet habe.“ Dieses Vermächtnis ist bei vielen Städten unerfüllt geblieben, zumal bei solchen, die mehrfachen staatlichen Zugehörigkeitswechseln ausgesetzt waren. Ob das heutige Chorzów zur Erinnerung an die Hüttendirektoren zurückfindet, zumal das Stadtbild von Bauten aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende durchsetzt ist und sich damit genügend Rückbezüge eröffnen? Diese neuerliche Öffnung des Blickes ist sehr zu wünschen. Einer erneuten Wertschätzung von Max Ladewig werden jedenfalls die drei Urkunden im Oberschlesischen Landesmuseum als Schatzhaus schlesischer Geschichte nun dienlich sein.


Stephan Kaiser, 28.4.2016

Kommende Veranstaltungen

Öffentliche Führung durch die Sonderausstellung "Schlesische Bahnwelten"
im Rahmen des Internationalen Museumstages 2017
am Sonntag, 21. Mai um 15 Uhr
Ort: Oberschlesisches Landesmuseum

Samstags im Museum "Mit dem Dampfross unterwegs"
Museumspädagogisches Programm für Kinder
am Samstag, 27. Mai um 14:30 Uhr
Ort: Oberschlesisches Landesmuseum

Samstags im Museum "Lokführer, Schaffner, Gleisbauer - Wer arbeitet bei der Bahn? "
Museumspädagogisches Programm für Kinder
am Samstag, 24. Juni um 14:30 Uhr
Ort: Oberschlesisches Landesmuseum


Kontakt

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Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstraße 62
40883 Ratingen (Hösel)

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