Bericht zur Tagung „Opa lebt in Schlesien. Identitäten zwischen Deutschland und Polen. Ein Seminar für Aussiedler, Spätaussiedler sowie alle Interessierten mit (familiären) Bezügen nach (Ober-)Schlesien"

Drukuj Email
Skrabania
31 lipiec 2021
Odsłony: 153

Am 24. und 25. Juli 2021 fand in Königswinter eine Tagung des Hauses Schlesien in Kooperation mit dem Kulturreferenten für Oberschlesien, Dr. David Skrabania, statt. Geladen waren Wissenschaftler sowie Schriftsteller, die sich in ihrer Tätigkeit grenzübergreifend mit der Thematik der Aussiedler aus Oberschlesien beschäftigen.

Wie die Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums des Haus Schlesien, Nicola Remig, in ihrer Begrüßungsrede anmerkte, ging es in der Veranstaltung um das persönliche Schicksal derjenigen, die ihre oberschlesische Heimat nach 1950 in Richtung Bundesrepublik verließen. Dr. Skrabania merkte in seinem Vorwort an, dass die Aussiedler in der deutschen Gesellschaft sozusagen „abgetaucht“ waren. Dies habe unter anderem an der Unklarheit über die eigene Identität gelegen. Aufgabe sei es, die Aussiedler aus Oberschlesien und deren Nachkommen, die ein wichtiger Teil der bundesdeutschen Gesellschaft sind, in den Fokus zu rücken und ihnen ein wenig Anerkennung zuteilkommen zu lassen.

Adam Wojtala, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Haus Schlesien, referierte in seinem Vortrag „Oberschlesien – die konfliktreiche Geschichte einer Grenzregion im Spannungsfeld zwischen Deutschland und Polen“ unter anderem über die vielfältige Sprachsituation in Oberschlesien, welche von der jeweiligen Politik ihrer Zeit gesteuert wurde, sowie über die historische Entwicklung der Region.

„Vertriebene, Aussiedler, Spätaussiedler, Aussiedler 2.0 in Deutschland – zwischen Identitätskrise und Integration?“ lautete der Vortrag von Dr. David Skrabania, in dem er die politische und gesellschaftliche Lage der Aussiedler auf beiden Seiten der Grenze schilderte. Er untermauerte seine Ausführungen mit Zitaten eigens durchgeführter Zeitzeugeninterviews aus seinem im kommenden Jahr erscheinenden Buch zur Migrationsgeschichte Oberschlesiens. Die eigene deutsche Identität, Familienzusammenführung sowie der Wunsch nach wirtschaftlichem Aufstieg waren neben der Frustration über das kommunistische System die wichtigsten Beweggründe für die Ausreise, wobei die Motivbündel je nach Zeitraum Unterschiede aufwiesen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Verhängung des Kriegsrechts in der Volksrepublik Polen im Dezember 1981, verspürten die Menschen den Drang nach Freiheit. In Deutschland angekommen, war man nicht nur mit Identitäts- und Integrationsproblemen, sondern auch mit Konkurrenzdruck untereinander konfrontiert.

Zum Abschluss des ersten Seminartages zeigte der Schriftsteller und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt, Dr. Matthias Kneip, in seinem Vortrag „Als Deutsche in Oberschlesien nach 1945. Auf den Spuren meiner Familiengeschichte“ auf, wie das Zusammenwirken der polnischen und deutschen Verhältnisse seine Familie prägte und welchen gesellschaftlichen Veränderungen die Region in der Zeit nach der politischen Wende 1989/90 unterworfen war.

Der Berliner Matthias Nawrat, selbst Ende der 1980er Jahre als Aussiedlerkind aus Oppeln in die Bundesrepublik gekommen, eröffnete den zweiten Tag mit einer Lesung aus seinem Erfolgsroman „Die vielen Tode unseres Opa Jurek“. In dem Buch berichten Enkel über das Leben ihres Großvaters zwischen dessen Internierung in Ausschwitz, inmitten des Warschauer Ghettoaufstands und später in Oppeln. Im Zentrum seiner Kommentierung stand die literarische Verarbeitung der eigenen Familiengeschichte als Angehöriger der zweiten Spätaussiedlergeneration.

Dr. Andrzej Kaluza vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt befasste sich bei seinem Vortrag mit „Besuchen und Paketen: Familienkontakten zwischen Deutschland und Polen sowie der polnischen Politik gegenüber der Deutschen Minderheit bis 1989.“ Bis 1970 gab es keine diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Der einzige Kontakt der Oberschlesier mit Deutschland war mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes möglich und verlief über den Postweg. Reguläre Pakete und Besuche aus der Bundesrepublik waren erst mit der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags möglich.

Im Abschlussblock „‘Opa hat es auch nicht leicht‘ – Die Problematik der Oberschlesier und der Deutschen Minderheit in Oberschlesien im Lichte der jüngsten Entwicklungen in der polnischen Gesellschaft und Politik“ stellte Lucjan Dzumla vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz und Oppeln die geschichtliche Entwicklung sowie die aktuelle Situation und Tätigkeit der Deutschen Minderheit in Oberschlesien vor. Es wurde deutlich, dass die deutsche Minderheit in Oberschlesien einerseits selbstbewusst ihren Weg geht, andererseits sich aber auch vor Probleme gestellt sieht, die vor allem der demografische Wandel mit sich bringt.

Die gut besuchte Veranstaltung gab nicht nur die Möglichkeit, einen Einblick in die vielfältigen Themen um den Komplex der Geschichte der Aussiedler aus Polen zu bekommen, sondern sich auch in anschließenden Diskussionsrunden auszutauschen.

Christoph Labaj/David Skrabania

DSC 1698Adam Wojtala (Haus Schlesien, Königswinter)

DSC 1699Dr. David Skrabania (Kulturreferent für Oberschlesien, Ratingen)

DSC 1715Dr. Matthias Kneip (Deutsches Polen-Institut, Darmstadt)

DSC 1722Matthias Nawrat (Freier Autor, Berlin)

DSC 1739Dr. Andrzej Kaluza (Deutsches Polen-Institut, Darmstadt)

DSC 1750Lucjan Dzumla (DIrektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, Gleiwitz/Oppeln)

Bericht zu Podium Silesia: Diskussionsabend mit Dr. Mirosław Węcki und Dr. Guido Hitze

Drukuj Email
Skrabania
02 maj 2021
Odsłony: 431

Korfanty vs. Ulitzka – aus Liebe zu Oberschlesien

Die neue Ausgabe von Podium Silesia war diesmal als Diskussion konzipiert. Über die Rolle von Wojciech Korfanty und Prälat Karl Ulitzka in der deutsch-polnischen bzw. oberschlesischen Geschichte diskutierten Dr. Guido Hitze, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung NRW, Autor von „Carl Ulitzka (1873–1953) oder Oberschlesien zwischen den Weltkriegen“ und Dr. Mirosław Węcki, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Schlesischen Universität und am Institut für Nationales Gedenken in Kattowitz, Mitautor des Buches „Wojciech Korfanty 1873–1939“. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Kulturreferenten für Oberschlesien, Dr. David Skrabania.

Screenshot 2
Dr. Guido Hitze

Dr. Skrabania eröffnete die Diskussion mit der Frage nach der Kindheit und sozialen Stellung der beiden oberschlesischen Persönlichkeiten. Guido Hitze wies auf die spärliche Quellenlage zur Kindheit Ulitzkas hin, sagte allerdings, dass er wohl in kleinen, aber nicht ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sei – weit entfernt vom sogenannten „Landproletariat“. Carl Ulitzka wurde 1873 in Jernau bei Leobschütz geboren. Der Vater, ein Kriegsveteran aus den preußischen Feldzügen gegen Österreich und Frankreich, hatte mit einer Kriegsverwundung zu kämpfen. Er war Landpostagent, was einem Postbeamten mit einer eigenen Agentur entspricht. Durch eine kirchliche Empfehlung kam Carl auf das Evangelisch-Königliche Gymnasium in Ratibor. Früh wurde dem Jungen klar, dass er als Katholik mit einem polnisch klingenden Namen keine Chance auf eine hohe Beamtenlaufbahn hatte. Er entschied sich während der Abiturzeit für die Priesterlaufbahn, da dies damals eine der wenigen Möglichkeiten für einen akademischen Werdegang als Katholik war. Guido Hitze ist sich jedoch sicher, dass es sich um eine Berufung, nicht um eine Karriereentscheidung handelte.

Screenshot 1
Dr. Miroslaw Węcki

Miroslaw Węcki wies auf einige Ähnlichkeiten zu Korfanty hin. Korfantys Großeltern waren noch Bauern, eher arm als reich. Seine Eltern zogen in ein Dorf bei Laurahütte, dass in der Nähe der Grenze zum russischen Kongresspolen lag. Aus der Bauernfamilie wurde eine Arbeiterfamilie. Wojciech wurde 1873 als Albert Korfanty geboren. Der Vater, Josef Korfanty, war bereits ein Arbeiterbauer – er verband also die Arbeit in einem Bergwerk mit der Tätigkeit als Landarbeiter im Nebenerwerb. Dieses Schicksal war auch für Korfanty bestimmt, aber dann entdeckte man das Potential des begabten Kindes. Korfanty fand vermutlich die finanzielle Unterstützung eines Gönners, der ihm die Fortsetzung seiner Schullaufbahn auf dem Gymnasium in Kattowitz ermöglichte.

Screenshot 3
Dr. David Skrabania

Skrabania setzte hier an und fragte nach den Auswirkungen der eigentlich gleichen Lebenswelt (geboren und aufgewachsen zur Zeit des Kulturkampfes in Oberschlesien) auf die Identitätsbildung der beiden. Węcki wies darauf hin, dass die soziale Gruppe, zu der Korfanty gehörte, überwiegend polnisch- bzw. slawischstämmig war. Die Alltagssprache war der oberschlesische Dialekt des Polnischen. Allerdings besaß Korfanty selbst zunächst kein polnisches Nationalbewusstsein – dieses entdeckte er erst im Gymnasium. Seine Großeltern und Eltern betrachteten sich als polnischsprachige Preußen. Vermutlich nahm er die Diskriminierung der polnischsprachigen Bevölkerung wahr.
Ulitzka hatte kein negatives Preußenbild, was vermutlich auf den Vater zurückzuführen war, der stolz auf seine Verdienste im Krieg war. Außerdem besuchte er das evangelisch-königliche Gymnasium. Studiert hat er in Breslau und Graz. Was ihn außerdem geprägt hat, war der Kulturkampf: Dieser hatte im Oberschlesien deutsch- und polnischsprachige Katholiken zusammengeführt. Die Zentrumspartei, der auch Ulitzka später angehörte, verstand sich als Vertretung aller oberschlesischen Katholiken, gleich welcher Muttersprache. Deshalb nahm Ulitzka den Konflikt zwischen deutsch- und polnischsprachiger Bevölkerung nicht so wahr, wie Korfanty, vermutet Guido Hitze.

Skrabania wies darauf hin, dass beide Persönlichkeiten einen hochpolitischen Weg einschlugen – der eine als Journalist, der andere als Geistlicher. Und beide fanden sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im großstädtischen Milieu Berlin wider. Doch zunächst war Ulitzka Kaplan in Kreuzburg, wie Hitze weiter ausführte. Das war der einzige Kreis mit einer protestantischen Mehrheit in Oberschlesien. Der junge Kaplan machte also eine Diasporaerfahrung. Hier erkannte er, dass Katholizität nicht überall in Oberschlesien das gesellschaftliche Leben prägt. Diese Erfahrung wurde anschließend in Bernau bei Berlin vertieft,. Die Gemeinde dort hatte nicht einmal eine eigene Kirche. So beschloss der 28-jährige Kaplan, eine zu bauen. Diese Erfahrung machte ihn zum Diplomaten, da er sich als Katholik in der für ihn fremden Umgebung für seine Gemeinde einsetzte, was nur durch Kooperation mit der preußischen Lebenswelt möglich war. 1910 wurde er nach Ratibor beordert und wurde hier Pfarrherr, also Pfarrer mit bäuerlichem Grundbesitz. Jetzt wurde er auch Mitglied der Zentrumsfraktion in Ratibor.
Korfantys Persönlichkeit in jungen Jahren ist dagegen eher als undiplomatisch zu bezeichenen, wie Węcki verdeutlichte. Korfanty nutzte sein Redegeschick und seine forsche Art, um seine politische Karriere voranzutreiben. Er hatte im Gymnasium die Erfahrung gemacht, dass die Lehrer sich beleidigend über die polnische Sprache und Kultur äußerten, wogegen sich sein Geist auflehnte – sein Interesse an Polen, der polnischen Geschichte und Kultur war geweckt. Węcki nannte es „jugendlichen Trotz“, der später für Korfanty charakteristisch wurde. Korfanty wurde wegen seiner politischen Aktivitäten nicht zum Abitur zugelassen. Er studierte trotzdem in Breslau und Berlin, wo er sich auch mit polnischen Kreisen verband. Er hatte Kontakte zu Sozialisten und zur polnischen Nationalbewegung. Diese stellte ihn 1903 als ihren Reichstagskandidaten für Oberschlesien auf. Er griff jetzt aber nicht die sogenannten „Hakatisten“ (ein Synonym für den „Deutschen Ostmarkenverein“, einer polenfeindlichen Deutschtumsorganisation; der Begriff ist gebildet aus den ersten Buchstaben seiner Gründer Hansemann, Kennemann und Tiedemann) politisch an, sondern die Zentrumspartei. Die polnische Nationalbewegung betrachtete nämlich das Zentrum als gefährlichsten Gegner, da es polnische Wählerstimmen in Oberschlesien band. Damit griff er auch die katholische Kirche an. Insbesondere die sozialen Fragen und die Diskriminierung der Polen in Preußen standen dabei im Zentrum. Als Arbeitersohn verstand er die Probleme der oberschlesischen Arbeiter. Bereits 1903 wurde er Reichstagsabgeordneter und trat der polnischen Fraktion bei.

Als nach dem Krieg die Frage nach dem Verbleib Oberschlesiens aufkam, kreuzten sich die Wege der beiden Protagonisten. Korfanty wurde zum Leiter des polnischen Plebiszitskommissariats. Hitze sieht hier den Grundstein für Ulitzkas spätere Rolle während der Plebiszitzeit: Carl Ulitzka „putschte“ gegen die Zentrumsleitung in Breslau und erklärte das oberschlesische Zentrum für unabhängig. Die Partei hieß jetzt offiziell „Oberschlesische Volkspartei“. Er warf der Zentrumsleitung vor, die soziale Frage in Oberschlesien vergessen zu haben. Mit der Aktion wollte er verhindern, dass Oberschlesien von Deutschland abfällt. Damit erhielt er die Schlüsselfunktion für diejenigen in Oberschlesien, die keinen Anschluss an Polen wollten, die Deutschgesinnten und die Autonomiebewegung. Ulitzka drängte die Freistaatbewegung (die ein Oberschlesien losgelöst von Deutschland und Polen wollte) aus dem Zentrum raus und wurde zum Wortführer der oberschlesischen Autonomiebewegung (die Oberschlesien als autonomes Land im deutschen Staatenverbund, losgelöst vom Preußen und Niederschlesien, wollte). 1919 wurde er in den Reichstag gewählt und erreichte damit die gleiche politische Ebene wie Korfanty. Er wurde zum Wortführer der oberschlesischen Abgeordneten und als Leiter des deutschen Plebiszitkommissariats vorgeschlagen, was aber von der Interalliierten Kommission (I.K.), die die Regierungsgewalt in Oberschlesien während der Plebiszitzeit innehatte, abgelehnt wurde. Vor allem General Le Rond, der Leiter der I.K., der jetzt faktisch die höchste Regierungsinstanz in Oberschlesien war, lehnte Ulitzka in dieser Position ab. Vermutlich geschah das durch eine Einflussnahme Korfantys, der gut mit Le Rond auskam. Er hatte kein Interesse dran, dass der populäre Prälat, der mit der Autorität der katholischen Kirche ausgestattet war, sein Gegenspieler wurde. Daher wurde Kurt Urbanek zum deutschen Plebiszitkommissar ernannt.

Korfanty führte seinen Wahlkampf vor allem mit dem Nationalitätenargument: Die Oberschlesier sind Polen, weil sie die polnische Sprache sprechen. Aber auch die Wirtschaftsfrage thematisierte er und stellte die Preußen als Okkupanten dar. Skrabania warf ein, dass der sehr hart geführte Propagandakrieg zu einer Nationalisierung der Oberschlesier und zu einer Spaltung bis in die Familien hinein führte. Guido Hitze weist darauf hin, dass zwar rückwirkend Korfanty und Ulitzka als die Gesichter der Abstimmungskampagne gelten, sie allerdings nicht auf derselben Ebene tätig waren. Die polnische Seite trat von Anfang an geschlossen auf, während die deutsche Seite zersplittert und von gegenseitigem Misstrauen geprägt war, zwischen Protestanten, Katholiken und Sozialdemokraten. Ulitzka hatte Probleme, seine Linie überhaupt erst in Berlin akzeptabel zu machen. Ulitzka versprach den Oberschlesiern kulturelle Autonomie, politische Selbstbestimmung, sozialen Aufstieg und Freiheit für den Katholizismus gegenüber Preußen und eine liberale Sprachpolitik, d.h. eine zweisprachige Schulausbildung und polnischsprachige Gottesdienste. Damit wollte er die Dichotomie der polnischen Propaganda konterkarieren, die dieses nur bei einem Anschluss Oberschlesiens an Polen als erreichbar darstellte.

Skrabania fragte nach, ob der Dritte Aufstand von Korfanty losgetreten wurde, da Korfanty ja zuvor in Posen und bei den ersten beiden Aufständen in Oberschlesien als Gegner einer militärischen Lösung auftrat. Węcki bezweifelte, dass Korfanty die Kompetenz dazu hatte, alleine zu entscheiden, da er der polnischen Regierung unterstand. Der Beginn des Aufstandes muss in Abstimmung mit den polnischen Behörden geplant werden. Eine wichtige Frage war die Rolle der Franzosen, die die polnische Oberschlesienpolitik stark unterstützten. Generell wird der Befehl zum Aufstand Korfanty zugeschrieben, aber mit Rückendeckung der Warschauer Regierung. Hitze wies darauf hin, dass beim Zweiten Aufstand, den Korfanty zwar nicht gewollt hatte, sich dann aber notgedrungen an dessen Spitze stellte, das erste Mal Korfanty und Ulitzka aufeinandertrafen. Ulitzka bot Korfanty Friedengespräche an und führte diese in der Sakristei einer Gleiwitzer Kirche, wo dann ohne Beteiligung der Regierungen oder der I.K. ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde. Le Rond bestellte danach die beiden offiziellen Vertreter der Plebiszitkommissariate, Korfanty und Urbanek, nach Beuthen ein, ließ sie dort offiziell den Waffenstillstand unterschreiben und gab es als einen Vermittlungserfolg der I.K. aus.
Der Dritte Aufstand wiederrum wurde sorgfältig von Korfanty vorbereitet. Der Aufstand richtete sich gegen die Grenzziehungspläne der Briten und Italiener. Hitze stellte fest, dass Korfanty stark abhängig vom französischen Wohlwollen war. Korfanty bekam von Le Rond die Erlaubnis loszuschlagen, was sogar noch wichtiger war als die Zustimmung Warschaus. Frankreich wollte das Ruhrgebiet besetzen. Wäre das oberschlesische Gebiet an Polen gefallen, hätte die deutsche Regierung militärisch gegen Polen vorgehen müssen, was zu einer Wiederaufnahme des Krieges mit den Franzosen geführt hätte, die sofort im Westen des Reiches einmarschiert wären, genau wie ein Nichtzahlen der Reparationen bedingt durch die Ausfälle durch den Verlust des oberschlesischen Industriegebietes ebenfalls einen Einmarsch rechtfertigte, zu dem es später auch kam, als die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten. Der Aufstand wurde von Korfanty durch das Verbreiten einer Falschmeldung in deutschen Zeitungen losgetreten: er behauptete, dass die für Polen negativen Grenzziehungspläne der Briten und Italiener bereits beschlossen seien. Zudem planten die deutschen Industriellen die Gruben zu fluten. Diese Meldungen wurden von den Franzosen zum Anlass genommen, den Deutschen die Schuld am dritten Aufstand zu geben, weshalb die französischen Streitkräfte, die für die Sicherheit zuständig waren, nichts unternahmen und die polnischen Insurgenten walten ließen, sogar unterstützten. Węcki warf ein, dass die polnische Seite keine Sicherheit hatte, dass die französische Seite dem Aufstand positiv entgegenstand. Daraufhin entgegnete Hitze, dass es noch weitere Indizien gäbe: So gäbe es ein geheimes Militärabkommen zwischen Polen und Frankreich, dass am 18. März 1921 geschlossen wurde, bei dem eine enge Kooperation und Abstimmung bei militärischen Aktivitäten vereinbart worden sei, was sicherlich nicht nur auf Sowjetrussland bezogen war. Auch die Lieferungen von Waffen und logistische Unterstützung während der Aufstände wurde hier bereits geklärt. Als drittes Indiz führt Guido Hitze an, dass es eine Meldung aus der Zentrale der Briten in Oberschlesien an die britische Regierung gab, wonach zweifellos Le Rond für den Aufstand verantwortlich sei. Deswegen öffneten die Briten und die Italiener die Grenzen zum Reich für die Freikorps, um ein Gleichgewicht der paramilitärischen Kräfte herzustellen. Warschau distanziert sich von Korfanty, die deutsche Reichsregierung von den Freikorps, dennoch investieren beide Seiten insgeheim Mittel in die paramilitärischen Organisationen. Ohne die Entscheidung der Briten und Italiener zur Öffnung der Grenze wäre wahrscheinlich der polnische Aufstand innerhalb einer Woche geglückt, doch die Freikorps stoppten den polnischen Vormarsch am St. Annaberg, während der deutsche Selbstschutz in den oberschlesischen Großstädten eingekesselt war.

Zum Abschluss wurde noch die Karriere der beiden Protagonisten nach der Plebiszitzeit thematisiert. Ulitzka, der „ungekrönte König Oberschlesiens“, war noch bis 1933 das Gesicht Oberschlesiens in Deutschland und vertrat die Region im Reichstag. Ihm wurden im Dritten Reich sein diplomatischer Umgang mit den polnischen Aufständischen während der Plebizitzeit und sein Eintreten für die Rechte der polnischsprachigen Bevölkerung zum Verhängnis. . Ulitzka wurde im März 1933 von SA-Schergen verprügelt und 1939 aus Oberschlesien ausgewiesen. 1944 wurde er wegen Kontakten zum Kreisauer Kreis von der Gestapo verhaftet und in Dachau interniert. Sechs Wochen vor Kriegsende wurde er auf Anweisung Himmlers freigelassen. Himmler wollte die Verhandlungsgrundlage mit Blick auf den bevorstehenden Zusammenbruch des Reiches verbessern und ließ eine Reihe von Geistlichen frei. Ulitzka kehrte nach Ratibor zurück, musste das jetzt unter polnischer Verwaltung stehende Oberschlesien aber aufgrund massiver Anfeindungen verlassen und kehrte bis zu seinem Tod 1953 nicht mehr in seine Heimat zurück.

Korfantys Leben bekam mit dem Mai-Umsturz 1926 in Polen eine dramatische Wende. Er galt als gefährlichster Gegner des sozialistischen Sanacja-Regimes unter Marschall Józef Piłsudski und wurde deshalb bekämpft. Bereits 1922 war seine Kandidatur auf den Posten des Premierministers durch Piłsudski verhindert worden. Die Sanacja betrachtete ihn als so gefährlich, dass er noch 1939 verhaftet wurde, als er aus dem Exil in der Tschechoslowakei zurückkehrte und fast bis zum Ende seines Lebens im Gefängnis in Warschau einsaß. Während man heute in Polen Wojciech Korfanty mit großen Feierlichkeiten als Patrioten ehrt, wird dieser Teil des Lebens Korfantys in der polnischen Erinnerungskultur eher ausgeblendet. Dagegen ist Prälat Carl Ulitzka in Deutschland fast gänzlich in Vergessenheit geraten.

 

[Florian Paprotny]

Filmdokumentation: „Ein europäischer Konflikt. Der Abstimmungskampf um Oberschlesien 1921“

Drukuj Email
Skrabania
20 marzec 2021
Odsłony: 763



Anlässlich des 100. Jahrestages der Volksabstimmung in Oberschlesien vom 20. März 1921 über die staatliche Zugehörigkeit der damals im äußersten Südosten gelegenen Region Preußens, hat der Kulturreferent für Oberschlesien am Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen das Bildungsfilmprojekt „Ein europäischer Konflikt. Der Abstimmungskampf um Oberschlesien 1921“ umgesetzt. Gemeinsam mit den Partnern und Co-Produzenten Landeszentrale für politische Bildung NRW, Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Stiftung Haus Oberschlesien/Oberschlesisches Landesmuseum und der Filmproduktion Arche Noah wurde eine 36-minütige Dokumentation produziert. Dank der Beteiligung des Hauses für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit in Opole/Polen steht der Film auch in einer polnischen Sprachversion zur Verfügung.

Der Bildungsfilm ist reich an historischen Quellen- und Filmmaterial sowie neuen Aufnahmen und Interviews mit Experten aus Polen und Deutschland. Neben der Erklärung der historischen Zusammenhängen und einer Einbettung in den europäischen Demokratiediskurs, soll diese Filmdokumentation auch als Diskussionsgrundlage dienen und einen Beitrag für eine gemeinsame deutsch-polnische Erinnerungskultur leisten.

Zu Präsentationszwecken besteht die Möglichkeit der Zurverfügungstellung in hochauflösender Qualität.

Rückfragen bitte an den Kulturreferenten für Oberschlesien richten.




Creative-Commons-Lizenz

by-nc-nd.euDie auf dieser Seite herunterladbaren Videos stehen unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0 - kein Social Media. Die Videos dürfen vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, wenn die Stiftung Haus Oberschlesien als Lizenzgeber genannt wird. Sie dürfen nicht verändert und nicht kommerziell genutzt werden. Das betrifft ausdrücklich auch die Verwendung von Ausschnitten oder gekürzten Versionen, die ohne gesonderte Vereinbarung nicht zugänglich gemacht oder weiterverbreitet werden dürfen. Außerdem darf dieser Film ausdrücklich nicht auf Soziale Medienplattformen wie z.B. YouTube, Facebook, Instagram und alle weiteren hochgeladen werden, da er Materialien des Bundesarchiv Filmarchivs enthält, dessen Lizenzbedingungen eine solche Verwendung nicht erlauben. Der Film darf nur mit dieser zusätzlichen Einschränkung der CC-Lizenz weitergegeben werden (share alike).

Creative-Commons-Lizenz für diesen Film

Podium Silesia. Beiträge zur Geschichte Oberschlesiens. Vortrag von Dr. Andrzej Michalczyk

Drukuj Email
Ciochon
16 luty 2021
Odsłony: 871

Als Gast bei Podium Silesia referierte Dr. Andrzej Michalczyk am 3. März 2021 über das Thema "Migrationsgeschichte Oberschlesiens. Globale Migrationen aus lokaler Perspektive".

Einleitend fand der Kulturreferent Dr. David Skrabania einige Worte zur Relevanz des Themas für die heutige Zeit. Vor der Coronapandemie war es nämlich die Debatte um Migration, die einen wesentlichen Teil der Politik bestimmte. Er wies darauf hin, dass aus der Perspektive des Einzelnen Migration eine Lebenschance sei; illustriert wurde das Beispiel anhand eines Zitats von Ludwik Hurski, der Anfang der 1870er in Zabelkau/OS geboren wurde und das Auftauchen eines Werbeagenten in seinem Dorf im Frühjahr 1879 beschrieb, der auf der Suche nach Arbeitern war und ihnen einen guten Verdienst in Westfalen versprach. Westfalen, das war für die alten Frauen im Dorf der Ort, wo die Sonne untergeht, von dem nie einer zurückkam. Dennoch sehnten sich die jungen Männer danach, dort das große Geld zu machen, und konnten es kaum erwarten, das 16. Lebensjahr zu erreichen und zur Arbeit in den Westen des Reiches aufzubrechen.

DSC 0136Der Kulturreferent, Dr. David Skrabania.

Die Region Oberschlesien, so führte Dr. Andrzej Michalczyk anschließend aus, sei ein herausragendes Beispiel für eine tiefverankerte Kultur der Migration. Von hier aus migrierten Einwohner in alle Himmelsrichtungen und entwickelten transmigrantische Routen nach Russisch-Polen, Großpolen, in das Innere des Deutschen Reiches, die US-amerikanischen Bundesstaaten Wisconsin und Minnesota und in die südbrasilianische Provinz Paraná. Michalczyk führte mit vielen Nachkommen der Amerika-Auswanderer Interviews. Die Ziele der Migration wandelten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, je nach politischer Wetterlage. Vor allem in den 1870ern und 1880ern gab es ein regelrechtes Amerikafieber, während es in den 1860ern wegen des amerikanischen Bürgerkriegs eher in Richtung Russisch-Polen ging und erst danach eine Auswanderungswelle nach Wisconsin begann.

DSC 0145Dr. Andrzej Michalczyk.

Durch die Beseitigung der Leibeigenschaft und des behördlichen und grundherrlichen Aufenthaltsbestimmungsrechts nahm die Mobilität der Oberschlesier ab der Mitte des 19. Jahrhunderts massiv zu. Die Arbeitsmigration bedeutete häufig auch einen sozialen Aufstieg für die im Heimatdorf Verbliebenen, denn das Geld wurde dort z.B. in den Hof investiert. Anhand der vielfältigen oberschlesischen Migrationsbewegungen in und über Europa hinaus wird zudem der Wandel eines deutsch-polnischen Grenzraums und die Genese transnationaler Migrationsnetzwerke sichtbar. Die vielfältigen Migrationsbewegungen, die von Oberschlesien ausgingen, nach Oberschlesien zurückführten und transnationale Räume entstehen ließen, regen dabei dazu an, das Eigene und das Fremde immer wieder aufs Neue zu reflektieren.

Im Anschluss gab es einige Rückfragen. So stellte sich die Frage, warum gerade aus den im Vortrag genannten Orten die Menschen migrierten. Lange Zeit erklärte man Migrationsbewegungen lediglich mit der Attraktivität des Ziels, ohne die Dynamiken im Ausgangsort zu erfassen. Im Falle der Auswanderung beispielsweise nach Texas war es reiner Zufall, dass sich aus einem kleinen Örtchen heraus eine Migrationsroute etablierte: Ein Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie, Leonhard Moczygemba, wurde in die Stadt geschickt, um Priester zu werden. Nach seinem Studium beorderte der Bischof ihn nach Texas, um als Seelsorger für die dort bereits ansässige deutschsprachige Community zu fungieren. Moczygęba stand in hohem Ansehen in seinem Heimatdorf, er war sozusagen ein Lokalheld, und dieses Vertrauen in ihm bewegte dann die Menschen, ihm nachzufolgen. Wäre er nicht als Pionier dort gelandet und hätte er nicht in die Heimat berichtet, wäre es nie zu der Migration nach Texas gekommen.

DSC 0139Gestreamt wurde über Facebook. Im Bild: Frau Katharina Gucia-Klassen, Mitarbeiterin des OSLM.

Mehrere Zuhörer interessierten sich auch dafür, ob bis heute Kontakte zwischen Oberschlesien und der neuen Heimat hinter dem Meer bestehen. Zum einen gab es den Onkel in Amerika, der in schweren Zeiten mit Geld und Gütern helfen konnte. Es gibt aber auch die reiselustigen Texaner, viele der inzwischen wohlhabenden Nachfahren besuchten das Dörfchen, in dem ihre Familienwiege stand. Ein Beispiel der so entstandenen Räume und der Verbundenheit, die Migranten über Generationen mit ihrer alten Heimat verbindet.

Abschließend wurde noch die Frage gestellt, ob eine globale Steuerung der Migration aus historischer Perspektive Sinn macht. Migration sei immerhin ein Ventil, dass die Verhältnisse am Ursprungsort stabilisieren könnte. Dr. Andrzej Michalczyk, der zuvor gesagt hatte, er sei kein Freund von „Lernen aus Geschichte“ im Sinne davon, dass man dann klug sei und Analogien ziehen könnte, sondern eher davon, dass man daraus Lebensweisheit gewinnen könne, verneinte diese Frage. Ein zentrales Steuerelement, so Michalczyk, wisse einfach nicht um die Bedürfnisse der Menschen. Diese kennen sie selbst am besten und schon damals überquerten sie auch Grenzen, die theoretisch geschlossen waren.

foto michalczyk psDr. Andrzej Michalczyk, Ruhr-Universität Bochum

Jg. 1976; Geschichtsstudium an der Universität Warschau (1995-2000)

Promotion am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt (2003-2006). Die Dissertation wurde mit dem Förderpreis des polnischen Generalkonsulats in Köln ausgezeichnet.

Verschiedene Stipendien und Forschungsaufenthalte u.a. am Institut für Europäische Geschichte in Mainz sowie am Herder-Institut Marburg

Seit Oktober 2007 Studienrat im Hochschuldienst für Neuere und Neueste und Ostmitteleuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum

Februar 2012 Gastdozent an der Schlesischen Universität Kattowitz

März 2015 Gastdozent an der University of Strathclyde, Glasgow

Dezember 2017 RUB Spectress Fellow an der Universität São Paulo, Brasilien

August-Dezember 2018 Visiting Professor an der Central Michigan University, USA







Podium Silesia. Beiträge zur Geschichte Oberschlesiens. Vortrag von Dr. Rafał Biskup

Drukuj Email
Skrabania
22 grudzień 2020
Odsłony: 1232

Von einem, der nie ankam… 100 Jahre Hans Lipinsky-Gottersdorf

Am 5. Februar 2020 jährte sich zum einhundertsten Male der Geburtstag des ‘oberschlesischen Tolstois’ Hans Lipinsky-Gottersdorf, eines Schriftstellers, Publizisten, Kulturvermittlers.
In einem Interview äußerte sich einst Fritz Wandel, ein Freund Lipinskys, folgend über den Prosna-Preußen-Autor: „Herr Lipinsky war ein in der Tradition seines Landes verwurzelter Edelmann mit Verbindungen zum Ursprünglichen. Und seine Arbeit war nicht nur eine literarische Arbeit, sondern – und dass habe ich ihm immer gesagt – dass er im Auftrag arbeite. Dass er eine Aufgabe habe, nämlich die gefährdete und vom Untergang bedrohte Tradition seines Landes noch einmal aufleben zu lassen und einen Rahmen zu schaffen, in dem diese – wenn auch nur in geistiger Form – weiterleben konnte.“
Der Region Oberschlesien setzte er mit seinem Schaffen ein literarisches Denkmal. In dem Essay „Heimat an der Prosna“ schrieb er: „Das preußische Oberschlesien war eine sonderbare, in mancher Hinsicht einzigartige Provinz. Ich will damit nicht sagen, daß sie dies über jede andere Provinz erhob. Ein jeder Landstrich hat seine Einmaligkeit, es kommt nur darauf an, sie herauszufinden. (…) Eine der Besonderheiten Oberschlesiens bestand darin, daß sich hier rechts der Oder eine autochthone, völkisch nur schwer einzuordnende Bevölkerung bis in die nationalstaatliche Gegenwart hinein behauptet hatte. Ihre wasserpolakische Mischsprache war deutschen und polnischen Ohren ein Greuel, aber durch anderthalb Jahrhunderte war Generationen von jungen Männern in preußischen Regimentern ein stabiles Selbstbewußtsein anerzogen worden.“
Ein Freund Heinrich Bölls, Befürworter der deutsch-polnischen Annäherung bereits in den 1950er Jahren, Meister realistischer Schilderungen – und dazu ein bodenständiger und herzlicher Mensch. Monika Taubitz, Lipinskys Schriftstellerkollegin, erinnerte sich: „Hans Lipinsky war auch den weiter von ihm entfernten Kollegen ein guter Kamerad. Als ich einmal kurz vor meiner Lesung im Haus Schlesien erkrankte und ihn um Hilfe bittend anrief, fuhr er ohne langes Hin und Her dorthin. Zwar wohnte er nicht weit davon entfernt in einem Kölner Vorort. Doch kostete es ihn nahezu einen Tag, den er sonst an seiner Schreibmaschine verbracht hätte, immerhin mit einem Blick hinaus ins Grüne, dabei Wort um Wort aufs Papier bringend, um damit sich und den anderen eine Heimat zu erschreiben. Jenes Stück Land, über das er zu normalen Zeiten gegangen wäre, den Jahreszeiten entsprechend Säen und Ernten überwachend und selbst kräftig mit zupackend.“
Hans Lipinsky-Gottersdorf war ein unbequemer und kompromissloser Autor. Wie kaum ein anderer konnte er die Eigenart und das Wesen Oberschlesiens erfassen. Die „oberschlesische Wahrheit“ ergibt sich, schrieb er noch Ende 1990 in einem Brief an den SPIEGEL, „sobald man die deutschen und die polnischen Bemühungen um nationale Eindeutigkeiten gleichermaßen zum Teufel schickt.“ Diese Wahrheit zeigte er schonungslos in seinem Schaffen, in dem man weder Verklärung noch Nostalgie findet. Von seinem „ersten Lehrherrn“ erhielt er einst folgenden Ratschlag: „Es ist genug, wenn die Menschen sich gegenseitig mit Knüppeln und Lügen erschlagen wollen. Die Wahrheit ist zu schade. Darum schreibe bescheiden und getreu…“. Hans Lipinsky-Gottersdorf hielt sich Zeit seines Lebens daran.

Kontakt

Adres:
Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstraße 62
40883 Ratingen (Hösel)

Telefon:
+49(0)2102-965-0

Email:
Ten adres pocztowy jest chroniony przed spamowaniem. Aby go zobaczyć, konieczne jest włączenie obsługi JavaScript.